Die Sichtbarkeit von Informationen bezieht sich darauf, ob – und wie prominent – bestimmte Informationen, Themen, Quellen oder Konten den Nutzern in digitalen Umgebungen angezeigt werden. Informationen, die im Index oder Netzwerk einer Plattform vorhanden sind, erreichen nicht automatisch alle Nutzer und auch nicht auf dieselbe Weise.
\nSichtbarkeit ist das Ergebnis zweier miteinander wechselwirkender Kräfte:
\nDie Unterscheidung zwischen Zuverlässigkeit und Sichtbarkeit ist für die Informationskompetenz von entscheidender Bedeutung.
\nBeispielsweise ein retweeteter Artikel: Der Account, der ihn geteilt hat, und die Plattform, auf der er angezeigt wurde, haben seine Sichtbarkeit beeinflusst – aber der Artikel hat seinen eigenen Autor und seine eigene redaktionelle Geschichte, deren Zuverlässigkeit separat bewertet werden muss.
\nPersonen, Konten (einschließlich Bots) und Organisationen verbreiten bestehende Informationselemente, indem sie diese teilen, weiterleiten, verlinken, erneut posten, zitieren oder auf andere Weise weiterverbreiten.
\n→ Wenn ein Beitrag mit zusätzlichen Kommentaren, Interpretationen oder einer neuen Einordnung weitergegeben wird, entsteht ein neuer Informationsbeitrag mit einem neuen Autor.
\nPraktiken, die von Quellen initiiert werden – also von denjenigen, die Informationselemente erstellen, veröffentlichen oder bewerben. Zu den Quellen gehören einzelne Nutzer, Content-Ersteller, Organisationen, Werbetreibende und Website-Betreiber. Im Gegensatz zu plattformgesteuerten Mechanismen werden diese Praktiken von den Quellen selbst gesteuert, die entscheiden, wie sie ihre Inhalte sichtbar machen. Sie funktionieren auf zwei Arten: durch Anpassung der Inhalte an die Ranking-Systeme der Plattformen (Reichweite, Direktansprache, SEO, SMO, plattformspezifische Optimierung) oder durch direkte Bezahlung für die Platzierung (bezahlte Platzierungen).
\nDie Größe und Struktur des potenziellen Publikums eines Teilenden.
\nMehrere Faktoren bestimmen die Reichweite:
\nDie Reichweite beeinflusst die Sichtbarkeit auf zwei Arten:
\n→ Die Reichweite variiert stark: Ein privates Konto mit 100 Followern und ein öffentliches Konto mit einer Million Followern haben einen grundlegend unterschiedlichen Einfluss auf die Sichtbarkeit.
\nMechanismen, mit denen Nutzer bestimmte Empfänger gezielt ansprechen und diesen durch Plattformbenachrichtigungen sofortige Aufmerksamkeit verschaffen.
\nBeispiele:
\n→ Die direkte Adressierung unterscheidet sich vom regulären Teilen: Der adressierte Nutzer erhält den Beitrag direkt per Benachrichtigung, unabhängig davon, ob er ihn sonst über seinen Feed gesehen hätte.
\n→ Die direkte Ansprache ist ein hybrider Mechanismus. Sie erfolgt auf Benutzerebene, funktioniert jedoch über die Plattforminfrastruktur (Benachrichtigungssysteme). Ihre Wirkung ist eine sofortige Hervorhebung für den angesprochenen Nutzer.
\nQuellseitige Maßnahmen zur Anpassung von Websites – deren Inhalt, Metadaten und Linkstruktur –, damit sie in den Ergebnissen allgemeiner Suchmaschinen (Google, Bing, DuckDuckGo usw.) besser ranken.
\nZu den gängigen Praktiken gehören:
\n→ SEO ist die am stärksten formalisierte Optimierungsdisziplin, da die Ranking-Signale von Suchmaschinen relativ stabil und gut dokumentiert sind (Lewandowski et al.). Spezialisierte SEO-Experten, Agenturen und Tools unterstützen die Umsetzung.
\n→ SEO verändert nicht, wie Suchmaschinen Seiten bewerten – es passt die Website an bestehende Ranking-Kriterien an. Publisher können beeinflussen, was der Algorithmus sieht, nicht wie er entscheidet.
\nMaßnahmen auf Seiten der Quelle zur Maximierung der Sichtbarkeit, Interaktion und Teilbarkeit von Inhalten auf Social-Media-Plattformen.
\nZu den gängigen Praktiken gehören:
\n→ SMO ist weniger formalisiert als SEO, da die Ranking-Signale in sozialen Medien undurchsichtiger und plattformspezifischer sind. Die Vorgehensweisen ändern sich mit den Algorithmen.
\nOptimierungsstrategien, die auf die Konventionen und Ranking-Logiken einzelner Plattformen zugeschnitten sind – über allgemeine SEO- oder SMO-Prinzipien hinaus.
\n→ Plattformspezifische Optimierung erfordert ein Verständnis des Ranking-Systems, des Nutzerverhaltens und der Präferenzen hinsichtlich des Inhaltsformats jeder Plattform. Was auf TikTok funktioniert, funktioniert selten auf LinkedIn.
\nPraxis auf der Anbieterseite, für Sichtbarkeit zu bezahlen – gesponserte Inhalte, die neben organischen Inhalten platziert werden, typischerweise durch Werbung.
\nGängige Formen:
\n→ Bezahlte Platzierungen umgehen organische Ranking-Systeme: Anstatt Inhalte für ein gutes Ranking zu optimieren, bezahlt die Quelle die Plattform direkt für die Platzierung.
\n→ Sie sind manchmal eindeutig gekennzeichnet („Gesponsert“, „Anzeige“), manchmal nur schwer von organischen Ergebnissen zu unterscheiden. Die Kennzeichnungsstandards variieren je nach Rechtsraum und Plattform.
\nWas Nutzer tatsächlich sehen, ist selten das Ergebnis eines einzigen Mechanismus. In einer Suchmaschine wird eine algorithmisch geordnete Liste organischer Ergebnisse neben bezahlten Platzierungen, KI-generierten Zusammenfassungen und manchmal redaktionellen Highlights präsentiert – und die zugrunde liegenden Ranking-Signale können durch Suchmaschinenoptimierung gezielt beeinflusst werden. In einem Social-Media-Feed erscheinen algorithmisch gerangierte Beiträge neben gesponserten Inhalten, empfohlenen Konten und Trend-Overlays. Jede Komponente folgt ihrer eigenen Logik und trägt zu einem zusammengesetzten Sichtbarkeitsergebnis bei.
Manuelle Kuratierung auf Plattformseite: Informationselemente, die bewusst von Redaktionsteams oder Plattformbetreibern hervorgehoben werden, anstatt durch algorithmisches Ranking angezeigt zu werden.
\nBeispiele:
\n→ Redaktionelle Highlights stehen neben den algorithmischen Mechanismen und spiegeln die eigene Einschätzung der Plattform wider, welche Inhalte eine prominente Platzierung verdienen.
\n→ Im Gegensatz zum algorithmischen Gatekeeping (Kuratierung und Personalisierung) beinhaltet redaktionelles Gatekeeping menschliche redaktionelle Entscheidungen durch die Plattform selbst. Funktional handelt es sich hierbei um eine Form des redaktionellen Gatekeeping – durchgeführt von der Plattform statt von traditionellen Verlagen.
\nAlgorithmisches Gatekeeping bezieht sich auf die Rolle von Algorithmen bei der Entscheidung, welche Informationen welche Nutzer erreichen – das digitale Pendant zum redaktionellen Gatekeeping (→ Informationen, Quellen & Informationsumgebungen → Redaktionelle Überprüfung). Es umfasst sowohl die Auswahl (was angezeigt und hoch gerankt wird) als auch den Ausschluss (was gefiltert, herabgestuft oder ausgeblendet wird).
\nAlgorithmisches Gatekeeping findet auf verschiedenen Plattformtypen statt:
\nAlgorithmisches Gatekeeping funktioniert in zwei Modi, die oft zusammenwirken: allgemeine Vorgänge, die auf alle Nutzer angewendet werden (algorithmische Kuratierung), und individuelle Anpassung auf der Grundlage erfasster Nutzersignale (algorithmische Personalisierung).
\nAllgemeine algorithmische Vorgänge, die auf alle Nutzer angewendet werden – sie bestimmen, welche Informationen auf der Plattform verfügbar sind, unabhängig davon, wer der Nutzer ist.
\n→ Die algorithmische Kuratierung bestimmt den auf der Plattform verfügbaren Informationspool. Sie funktioniert für alle Nutzer weitgehend gleich.
\nAlgorithmische Vorgänge, die die Auswahl, Reihenfolge und Darstellung von Informationen an einzelne Nutzer anpassen, basierend auf deren erfassten Signalen. Diese Signale sammeln sich im Laufe der Zeit zu Nutzergeschichten an, auf die sich die Algorithmen stützen.
\n→ Zwei Nutzer auf derselben Plattform sehen – selbst bei derselben Suchanfrage – in der Regel deutlich unterschiedliche Inhalte.
\n→ Zwei Nutzer auf derselben Plattform – selbst bei derselben Suchanfrage – sehen in der Regel deutlich unterschiedliche Inhalte.
\n→ Personalisierung schafft eine Rückkopplungsschleife: Was Nutzer tun, beeinflusst, was sie als Nächstes sehen, und was sie als Nächstes sehen, kann beeinflussen, was sie tun.
\nAktionen, die ein Nutzer – aktiv oder passiv – innerhalb eines Informationskanals ausführt und die von Algorithmen erfasst und genutzt werden können, um die Auswahl und Sichtbarkeit von Informationselementen zu personalisieren.
\n→ Nutzeraktionen beschränken sich nicht auf bewusste Interaktionen wie Klicken oder Liken. Viele Aktionen sind passiv oder automatisch, beispielsweise wie lange ein Nutzer auf einer Seite verweilt, wie weit er scrollt oder wo er sich befindet. Nutzern ist oft nicht bewusst, dass diese Aktionen beeinflussen, was ihnen als Nächstes angezeigt wird.
\n| Typ | \nWas ist das | \nBeispiele | \n
|---|---|---|
| Explizites Feedback | \nBewusste Interaktionen, für die sich der Nutzer entscheidet | \n- Suchanfragen / Suchbegriffe- Klicks- Likes / Reaktionen- Kommentare / Antworten- Teilen / Reposts / Weiterleitungen- Folgen / Abonnieren- Speichern / Lesezeichen- Bewertungen / Rezensionen- Käufe / Downloads | \n
| Implizites Verhalten | \nPassive Verhaltenssignale, die während der Nutzung erfasst werden | \n- Betrachtungsdauer / Hörzeit / Verweildauer- Scrollverhalten (wie weit, wie schnell) - Hover-Verhalten- Überspringverhalten | \n
| Kontextdaten | \nInformationen über die Situation, in der der Nutzer auf die Plattform zugreift | \n- Standortdaten des Nutzers während der Nutzung der Anwendung – Gerätetyp (z. B. Smartphone oder Laptop) – Zeitpunkt des Zugriffs | \n
| Konto- und soziale Daten | \nInformationen aus dem Profil des Nutzers und seinen sozialen Verbindungen | \n- Profilinformationen (Alter, Interessen, Beruf, Geschlecht) - Spracheinstellungen - verknüpfte Konten - Kontaktliste / Adressbuch | \n
Amplifikation bezeichnet die systematische Steigerung der Sichtbarkeit eines Beitrags über die Ebene des einzelnen Nutzers hinaus – um eine breite Sichtbarkeit über Nutzerkonten hinweg und manchmal auch über Informationsumgebungen hinweg zu erzielen.
\nWährend die quellengesteuerte Promotion (siehe oben) beschreibt, was eine einzelne Quelle selbst unternimmt, um Sichtbarkeit zu erlangen, und die plattformseitige Gatekeeping-Funktion (siehe oben) die algorithmischen Vorgänge beschreibt, durch die Plattformen Inhalte für einzelne Nutzer anzeigen und bewerten, bezieht sich die Verstärkung auf die daraus resultierenden Verstärkungseffekte in großem Maßstab – die entweder als Gesamteffekt dieser Plattformvorgänge (→ algorithmische Verstärkung) oder durch koordinierte Aktivitäten mehrerer Akteure (→ koordinierte Verstärkung) entstehen.
\nAmplification funktioniert über zwei Hauptmechanismen.
\nDie beiden Mechanismen treten häufig gemeinsam auf. Koordinierte Netzwerke nutzen das auf Interaktion basierende Ranking, um algorithmische Verstärkungen auszulösen; das algorithmische Ranking wiederum verstärkt die Sichtbarkeit, die durch die Koordination bereits erzeugt wurde.
\nAlgorithmische Verstärkung ist der kumulative Effekt der oben genannten Gatekeeping-Mechanismen (Kuratierung und Personalisierung): die systematische Steuerung, welche Beiträge, Themen, Konten und Formate den Nutzern prominent angezeigt werden – und welche gefiltert, herabgestuft oder nach unten verschoben werden.
\nEmpirische Untersuchungen zeigen, dass ein auf Interaktion basierendes Ranking emotional aufgeladene und gegen andere Gruppen gerichtete Inhalte systematisch verstärkt, selbst wenn die Nutzer selbst solche Inhalte nicht bevorzugen (Milli et al., 2025). Es verstärkt zudem die bestehende Reichweite: Konten und Beiträge mit hoher vorheriger Interaktion werden mit weiterer Sichtbarkeit belohnt, was zu stark verzerrten Reichweitenverteilungen führt (Rich-get-richer-Effekt).
\nAlgorithmische Eingriffe können auch nichtlineare Effekte in die entgegengesetzte Richtung haben. Eine Verringerung der Sichtbarkeit eines Beitrags im Feed um etwa 20 % kann dessen Reichweite um eine Größenordnung reduzieren (Narayanan, 2023).
\nAlgorithmische Verstärkung ist kein neutrales Spiegelbild der Nutzeraktivität. Ihre Auswirkungen sind emergent und vor allem in der Gesamtheit sichtbar: Einzelne Empfehlungen sind ungenau (die Interaktionsraten bleiben auf den meisten Plattformen unter 1 %), aber Ranking, Empfehlung und Herabstufung prägen systematisch, was auf der Plattform zirkuliert.
\nKoordinierte authentische Verstärkung ist die gezielte Hervorhebung einer Information, eines Themas, eines Hashtags, eines Kontos oder einer Erzählung durch offen kommunizierte, organisierte Aktivitäten echter Konten. Der koordinierte Ursprung wird nicht verheimlicht: Die Teilnehmer agieren unter ihrer echten Identität oder unter bekannten Gruppenzugehörigkeiten.
\nTypische Kontexte sind
\nOb die zugrunde liegende Botschaft fundiert, ausgewogen oder einseitig ist, ist eine andere Frage – Authentizität bezieht sich nur auf die Transparenz der Koordination, nicht auf den Wahrheitsgehalt oder die Fairness des Inhalts. Eine authentische Kampagne kann korrekte Informationen, irreführende Informationen oder eine einseitige Position verstärken.
Authentische und inauthentische Koordination kann Sichtbarkeitsmuster erzeugen, die von außen identisch aussehen – synchronisiertes Teilen, Hashtag-Clustering, schnelle Verbreitung. Das Unterscheidungsmerkmal ist nicht das sichtbare Muster, sondern ob der koordinierte Ursprung offen gelegt wird.
Koordinierte unechte/künstliche Verstärkung ist die absichtliche Aufwertung einer Information, eines Themas, eines Hashtags, eines Kontos oder einer Erzählung durch organisierte Aktivitäten, bei denen die koordinierte Herkunft verschleiert wird, die teilnehmenden Konten gefälscht sind oder beides. Das Ziel besteht darin, den Anschein organischer, unabhängiger Unterstützung zu erwecken. Der von Meta geprägte Begriff „Coordinated Inauthentic Behaviour“ (CIB) – der nun in den EU-Digitaldienstleistungsakt aufgenommen wurde – konzentriert sich auf diese Kombination aus falschen Identitäten und gegnerischen Methoden zur Umgehung der Erkennung (Gleicher, 2018; Rogers & Righetti, 2025).
\nTypische Kontexte sind politische Einflussnahmen (staatlich gefördert oder parteiisch), Astroturfing-Kampagnen (kommerziell oder ideologisch), gezielte Desinformation im Zusammenhang mit Wahlen, öffentlicher Gesundheit oder geopolitischen Konflikten sowie Reputationsmanipulation durch gefälschte Bewertungen, Rezensionen oder Interaktionen. Die operativen Mittel – Bots, Trolle, Sockpuppets und ihre koordinierten Netzwerke (Bot-Farmen, Troll-Farmen, Sockpuppet-Netzwerke, Klick-Farmen) – werden im Folgenden ausführlich beschrieben.
\nUnter „Inauthentizität“ versteht man die Verschleierung der koordinierten Herkunft oder die Nutzung gefälschter Konten – nicht den Wahrheitsgehalt der verbreiteten Inhalte. Ein koordiniertes Netzwerk gefälschter Konten kann korrekte Informationen verstärken; eine einzelne authentische Person kann erfundene Informationen verbreiten. Koordinierte inauthentische Verstärkung und die Verbreitung falscher Inhalte sind unterschiedliche Phänomene, die unabhängig voneinander oder gemeinsam auftreten können.
Die folgenden, in diesem Abschnitt beschriebenen Kontotypen gelten für alle digitalen Informationskanäle und -plattformen, auf denen Nutzer Konten erstellen und öffentlich Beiträge veröffentlichen oder interagieren können – insbesondere soziale Medien, Diskussionsforen und Community-Bereiche, Video- und Audio-Plattformen sowie Bewertungs- oder Kommentarbereiche. In privaten Kommunikations-Apps oder in Umgebungen ohne nutzergenerierte Inhalte treten sie weniger häufig auf. Sie treten sowohl unabhängig als auch innerhalb koordinierter Netzwerke auf. Sie werden hier aufgrund ihrer typischen Rolle in der Verbreitungsdynamik aufgeführt; die explizit koordinierten Formationen sind die Kontonetzwerke.
\n| Begriff | \nDefinition | \nKontrolliert durch | \nDefiniert durch | \nTypischer Zweck | \n
|---|---|---|---|---|
| Social Bot | \nEin automatisiertes oder teilweise automatisiertes Konto, das online Beiträge veröffentlicht, Likes vergibt, anderen folgt, Inhalte teilt oder antwortet. | \nSoftware | \nAutomatisierung | \nUm Nachrichten zu verstärken, künstliche Popularität zu erzeugen, Spam zu versenden, Debatten zu beeinflussen oder Inhalte in großem Umfang zu verbreiten. | \n
| Cyborg | \nEin Hybridkonto, das menschliche Bedienung mit Software-Automatisierung kombiniert. | \nGemischt: Mensch und Software | \nSelektive Automatisierung | \nUm den Umfang der Automatisierung mit der kontextuellen Plausibilität menschlicher Eingaben zu kombinieren – für legitime Planung/Verwaltung oder für schwerer zu erkennende Einflussoperationen. | \n
| Troll | \nEine Person oder ein Konto, das Online-Diskussionen absichtlich provoziert, stört oder anheizt. | \nMeist ein menschlicher Nutzer; manchmal koordinierte Gruppen | \nStörendes / provokatives / feindseliges Verhalten | \nAndere verärgern, Gespräche aus der Bahn werfen, Reaktionen provozieren, Feindseligkeit verbreiten oder Debatten polarisieren. | \n
| Sockpuppet | \nEin gefälschtes Konto, das von jemandem genutzt wird, um seine wahre Identität zu verbergen oder sich als eine andere Person auszugeben. | \nEin menschlicher Nutzer, wobei das Konto auch automatisiert betrieben werden kann | \nFalsche Identität | \nUm falsche Unterstützung zu erzeugen, andere anonym anzugreifen, Sperren zu umgehen, Debatten zu manipulieren oder den Eindruck unabhängiger Zustimmung zu erwecken. | \n
Ein Social Bot ist ein Bot, der für den Einsatz auf Social-Media-Plattformen entwickelt wurde und Beiträge veröffentlicht, kommentiert, teilt oder interagiert, um menschliche Nutzer zu imitieren. Social Bots sind in der Regel so programmiert, dass sie in großem Umfang und mit hoher Geschwindigkeit agieren, weit über das hinaus, was ein menschlicher Nutzer leisten könnte. Ihre Aktivitäten sind oft repetitiv und über viele Konten hinweg koordiniert, was sie von normaler menschlicher Nutzung unterscheidet.
\nSocial Bots können für legitime Zwecke eingesetzt werden – wie Kundenservice, Nachrichtenverbreitung oder Marketing –, werden aber auch häufig genutzt, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, bestimmte Botschaften zu verstärken, Diskussionen zu manipulieren oder den Anschein einer breiten Unterstützung für bestimmte Ideen, Produkte oder Anliegen zu erwecken. Im Zusammenhang mit Fehlinformationen und Desinformation spielen Social Bots eine besondere Rolle bei der raschen Verbreitung von Inhalten und vermitteln den falschen Eindruck, dass viele unabhängige Stimmen dieselbe Ansicht teilen.
\nWenn Social Bots in koordinierten Netzwerken eingesetzt werden, bilden sie eine Bot-Farm.
\nEin Bot ist ein Computerprogramm, das automatisch Aufgaben ausführt, oft repetitive. Bots reichen von einfachen, harmlosen Tools – wie Webcrawler, die Seiten für Suchmaschinen indexieren, automatisierte Testsysteme oder Chatbots, die routinemäßige Kundenfragen beantworten – bis hin zu bösartigen Programmen, die darauf ausgelegt sind, Spam, Malware oder Desinformation zu verbreiten.
Ein Cyborg ist ein Hybridkonto, das teilweise von einem Menschen und teilweise durch Software gesteuert wird. Bei einem Cyborg können routinemäßige Beiträge durch Software geplant oder generiert werden, während eine Person ausgewählte Interaktionen, Antworten oder sensible Inhalte bearbeitet. Das Verhältnis zwischen automatisierten und menschlichen Aktivitäten variiert je nach Konto.
\nCyborgs können für legitime Zwecke eingesetzt werden – wie zum Beispiel die Planung von Inhalten, die Verwaltung von Marken- oder institutionellen Konten oder einen hybriden Kundenservice –, werden aber auch in Einflussoperationen genutzt, um den Umfang und die Geschwindigkeit der Automatisierung mit der kontextuellen Plausibilität menschlicher Beiträge zu kombinieren.
\nCyborgs sind schwieriger zu identifizieren als rein automatisierte Bots, da ein Teil ihres Verhaltens echt menschlich ist, was bedeutet, dass einzelne Erkennungsindikatoren selten für eine zuverlässige Identifizierung ausreichen.
\nEin Troll ist eine reale Person, die Online-Diskussionen durch provokatives, aggressives oder feindseliges Verhalten absichtlich stört. Trolle nutzen in der Regel persönliche Konten und zielen auf kontroverse Themen, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (wie Politiker oder Journalisten) oder Medienorganisationen ab. Ihr Ziel ist es, andere zu verärgern, Reaktionen auszulösen oder Konflikte zu eskalieren – manchmal zur Unterstützung einer bestimmten Agenda, manchmal zur Unterhaltung oder um Aufmerksamkeit zu erregen.
\nWährend Trolle oft unabhängig agieren, können sie auch in koordinierten Gruppen operieren, die manchmal von politischen oder kommerziellen Akteuren bezahlt werden (siehe „Trollfarm“ unter „Verstärkungsmechanismen“).
\nTrolling lässt sich am besten als ein Muster des Online-Verhaltens verstehen, nicht als eine bestimmte Art von Konto. Das gleiche Verhalten kann von automatisierten Konten gezeigt werden, und auch gewöhnliche Nutzer können gelegentlich trollen.
\nEin Sockpuppet ist eine gefälschte Online-Identität, die von einer realen Person erstellt und betrieben wird, die ihre wahre Identität verbirgt. Im Gegensatz zu Trollen – die oft unter einem einzigen, offen feindseligen Account agieren – betreibt ein Sockpuppet-Betreiber in der Regel mehrere gefälschte Accounts parallel, um den Eindruck zu erwecken, dass mehrere unabhängige Nutzer dieselbe Meinung vertreten, dieselbe Sache unterstützen oder mit dem eigenen (oft separaten) Hauptaccount des Betreibers übereinstimmen.
\nSockpuppets werden häufig verwendet, um einen künstlichen Konsens zu erzeugen, die eigenen Argumente unter verschiedenen Namen zu unterstützen, Gegner anzugreifen und dabei unparteiisch zu wirken, Sperren zu umgehen, indem nach einer Sperrung neue Identitäten erstellt werden, oder Online-Bewertungen, Abstimmungen und Umfragen zu manipulieren.
\nSockpuppets unterscheiden sich von Social Bots dadurch, dass sie manuell von Menschen betrieben werden, was ihre Inhalte kontextuell plausibler und durch automatisierte Mittel schwerer zu erkennen macht. Sie unterscheiden sich von Trollen dadurch, dass ihr primäres Ziel die Täuschung hinsichtlich der Identität und die Erzeugung eines scheinbaren Konsenses ist, nicht die Provokation – obwohl Sockpuppet-Betreiber durch ihre gefälschten Identitäten auch trollingartiges Verhalten an den Tag legen können.
\nWenn eine Person oder eine kleine Gruppe gemeinsam eine koordinierte Gruppe von Sockpuppets betreibt, bilden sie ein Sockpuppet-Netzwerk (siehe Mechanismen der Verstärkung).
\n| Erkennungsdimension | \nSocial Bots | \nTrolle | \nSockpuppets | \n
|---|---|---|---|
| Profilmerkmale | \n- [ ] Das Konto sieht neu erstellt aus - [ ] Das Profil ist unvollständig oder allgemein gehalten - [ ] Der Benutzername wirkt möglicherweise unpersönlich und enthält manchmal Zufallszahlen | \n- [ ] Das Konto ist in der Regel schon länger aktiv und verfügt über eine Post-Historie- [ ] Das Profil ist vollständig und wirkt persönlich; es enthält möglicherweise eine ausgeprägte ideologische oder politische Selbstbeschreibung- [ ] Der Benutzername wirkt persönlich | \n- [ ] Das Profil wirkt plausibel und persönlich, oft mit einem Profilbild und biografischen Angaben (manchmal gestohlen, KI-generiert oder kopiert) - [ ] Die Account-Historie ist möglicherweise moderat und so gestaltet, dass sie im Laufe der Zeit authentisch wirkt | \n
| Verhalten beim Posten | \n- [ ] Die Aktivität entspricht nicht dem normalen menschlichen Online-Verhalten - [ ] Die Konten posten oder reposten sehr häufig Inhalte - [ ] Die Konten posten oder reposten rund um die Uhr, Tag und Nacht | \n- [ ] Die Aktivität ähnelt dem normalen menschlichen Online-Verhalten - [ ] Das Konto veröffentlicht Beiträge oder antwortet zu unregelmäßigen Zeiten - [ ] Das Konto wird bei kontroversen Diskussionen aktiver | \n- [ ] Die Aktivitätsmuster ähneln der normalen menschlichen Nutzung- [ ] Mehrere Konten, die vom selben Betreiber geführt werden, können ähnliche Aktivitätszeiten oder -rhythmen aufweisen- [ ] Sockpuppets neigen dazu, weniger Diskussionen zu starten und kürzere Beiträge zu verfassen als typische Nutzer | \n
| Interaktionen | \n- [ ] Das Konto führt keine echten Gespräche - [ ] Die Konten liken, teilen oder reposten meist - [ ] Antworten sind kurz und automatisiert | \n- [ ] Das Konto antwortet direkt auf andere Nutzer - [ ] Das Konto beteiligt sich an Debatten mit dem Ziel, Reaktionen zu provozieren - [ ] Unterhaltungen werden in die Länge gezogen, um Konflikte zu erzeugen oder zu verschärfen | \n- [ ] Der Account führt echte Gespräche und unterstützt dabei oft den Hauptaccount des Betreibers oder andere Sockpuppets - [ ] Antworten sind kontextuell angemessen und wirken authentisch - [ ] Paare von Sockpuppets interagieren oft zur gleichen Zeit in derselben Diskussion | \n
| Inhaltliche Merkmale | \n- [ ] Der Inhalt ist einseitig und repetitiv - [ ] Dieselben Narrative werden mehrfach gepostet | \n- [ ] Der Inhalt ist speziell darauf zugeschnitten, einer Zielperson zu schaden oder sie zu provozieren- [ ] Der Inhalt zielt auf Einzelpersonen oder soziale Gruppen ab | \n- [ ] Der Inhalt wirkt authentisch und variiert zwischen den Konten – [ ] Die zugrunde liegende Botschaft oder Haltung ist im gesamten Netzwerk verdächtig einheitlich – [ ] Häufigere Verwendung von Personalpronomen wie „ich“ | \n
| Sprache | \n- [ ] Allgemeine Ausdrücke, sich wiederholende Formulierungen mit Schlüsselwörtern | \n- [ ] Abwechslungsreiche, emotionale, oft beleidigende oder anstößige Sprache | \n- [ ] Natürliche und abwechslungsreiche Sprache - [ ] Mehrere Konten weisen möglicherweise sprachliche Gemeinsamkeiten auf (ähnliche Formulierungen, Vokabular, Zeichensetzung oder Fehlermuster) | \n
| Netzwerk- und technische Indikatoren | \n- [ ] Social Bots folgen anderen Social Bots, doch die Beziehung ist in der Regel einseitig und nicht wechselseitig- [ ] Über mehrere Bot-Konten hinweg ist koordiniertes Verhalten zu beobachten | \n- [ ] Trolle folgen menschlichen Konten- [ ] Verbindungen sind oft wechselseitig (sie folgen ihren Followern und umgekehrt) - [ ] Trolle agieren in der Regel unabhängig voneinander | \n- [ ] Mehrere Konten, die sich gegenseitig unterstützend interagieren- [ ] Verbindungen zwischen Sockpuppets im selben Netzwerk können künstlich wechselseitig sein oder bewusst fehlen, um eine Erkennung zu vermeiden- [ ] Gleiche IP-Adresse, Geräte-Fingerabdruck oder Anmeldemuster \\\\*(plattformseitige Erkennung)\\\\*- [ ] Stärker geclusterte Ego-Netzwerke als bei gewöhnlichen Nutzern- [ ] Korrelierte Aktivitätszeitpunkte über Konten hinweg | \n
Eine Bot-Farm ist ein Netzwerk von Bots, die gleichzeitig auf mehreren Geräten oder Servern operieren und von einem einzelnen Betreiber oder einer Organisation für einen bestimmten Zweck eingesetzt werden.
\nBot-Farmen haben eine Reihe legitimer Verwendungszwecke, darunter Web-Indexierung, automatisierte Softwaretests, Datenaggregation und die Überwachung der Website-Performance. Sie werden jedoch häufig auch für böswillige Aktivitäten genutzt, wie das Erzeugen von gefälschtem Engagement, das Generieren großer Mengen an Inhalten, das Versenden von Spam oder die Durchführung von Cybersicherheitsangriffen. Wenn sie zur Manipulation des Online-Diskurses eingesetzt werden, können Bot-Farmen den falschen Eindruck einer breiten Unterstützung, Ablehnung oder eines großen Interesses an einem Thema, einem Konto oder einer Kampagne erwecken.
\nEine Trollfarm ist eine organisierte Gruppe koordinierter, oft bezahlter Mitarbeiter, die absichtlich provokative, irreführende oder falsche Inhalte online veröffentlichen – typischerweise über gefälschte Konten. Ihr Ziel ist es in der Regel, die öffentliche Meinung zu manipulieren, Desinformation zu verbreiten oder soziale und politische Unruhen zu schüren. Trollfarmen wurden im Zusammenhang mit staatlich geförderten Einflussoperationen sowie kommerzieller Reputationsmanipulation dokumentiert.
\nEin Sockpuppet-Netzwerk ist eine koordinierte Gruppe von Sockpuppet-Konten, die von einer Person oder einer kleinen Gruppe betrieben werden und dazu dienen, unabhängige Stimmen zu simulieren, die eine gemeinsame Erzählung, Kampagne, ein Konto oder eine Sache unterstützen. Sockpuppet-Netzwerke werden häufig für politisches Astroturfing, die Manipulation von Bewertungen und Rezensionen sowie koordinierte Desinformationskampagnen genutzt. Im Gegensatz zu Bot-Farmen basieren Sockpuppet-Netzwerke auf manueller Bedienung durch Menschen, wodurch die Inhalte einzelner Konten authentischer wirken und mit automatisierten Mitteln schwerer zu erkennen sind. Ihre Koordination lässt sich meist erst dann nachweisen, wenn mehrere Konten durch Verhaltensmuster, gemeinsame technische Signale oder gegenseitige Interaktion miteinander verknüpft werden können.
\nEine Klickfarm ist ein Betrieb, bei dem eine große Anzahl von gering bezahlten Arbeitskräften, automatisierten Bots oder beidem eingesetzt wird, um auf Anzeigen zu klicken, Social-Media-Konten zu folgen, Beiträge zu liken, Bewertungen abzugeben oder Apps herunterzuladen. Das Ziel besteht darin, das Online-Engagement oder den Traffic künstlich zu steigern, wodurch Inhalte, Konten oder Produkte beliebter erscheinen, als sie tatsächlich sind.
\n| Feature | \nViralität | \nTrend | \n
|---|---|---|
| Was verbreitet wird | \nEin einzelner Informationsbeitrag: ein bestimmtes Video, ein Beitrag, ein Bild oder ein anderer Inhalt | \nEin Thema, ein Hashtag, ein Ton, ein Format oder eine Diskussionsgruppe: nicht ein bestimmtes Element, sondern viele Beiträge, die sich auf dasselbe beziehen oder es verwenden | \n
| Haupttreiber | \nNutzer teilen, reposten oder leiten den Inhalt an andere weiter, die ihn wiederum weitergeben; diese kaskadenartige Verbreitung kann durch Empfehlungsalgorithmen noch verstärkt werden | \nViele Nutzer posten, erwähnen oder verwenden dasselbe Thema, denselben Hashtag oder dasselbe Format innerhalb kurzer Zeit; die Plattform erkennt diese Konzentration von Aktivitäten und hebt sie in einem eigenen „Trending“-Bereich hervor (z. B. einer Liste mit Trendthemen, einer Übersicht über Trend-Hashtags oder einer Seite mit Trend-Sounds) | \n
| Zeitliches Muster | \nOft kurz und explosiv; kann später wiederkehren | \nZeitgebunden; hält so lange an, wie die Aktivität hoch bleibt oder die Plattform es weiterhin hervorhebt | \n
| Wie es manipuliert werden kann | \nKoordiniertes Teilen, Verstärkung durch Bots, künstliches Engagement, das auf den spezifischen Informationsbeitrag gerichtet ist | \nKoordinierte Posting-Kampagnen, künstlich erzeugte Trends durch Bot-Netzwerke, Entscheidungen der Plattform zur Förderung, Filterung oder Unterdrückung | \n
Sowohl Viralität als auch Trends können organisch entstehen oder durch koordinierte Kampagnen, Bot-Aktivitäten oder Entscheidungen der Plattform künstlich verstärkt werden. Beide können zudem emotional aufrührenden, moralisch aufgeladenen oder polarisierenden Inhalten einen Vorteil verschaffen, insbesondere in politischen oder konfliktbehafteten Kontexten.
\nDas Muster, nach dem sich ein bestimmter Informationsbeitrag durch Teilen, Empfehlen und Weiterverbreitung über Netzwerke hinweg rasch ausbreitet, analog zur Ausbreitung eines Virus. Viralität wird durch Inhaltsmerkmale, Strukturen sozialer Netzwerke, Plattformmöglichkeiten, den Zeitpunkt und algorithmische Verstärkung geprägt.
\nInhalte, die starke Emotionen, moralische Reaktionen oder Feindseligkeit gegenüber anderen Gruppen hervorrufen, werden oft eher geteilt, insbesondere in politischen oder konfliktorientierten Kontexten. Viralität wird jedoch nicht nur durch die Größe der ursprünglichen Quelle bestimmt: Auch kleinere Accounts oder Medien können hochvirale Inhalte produzieren.
\nViralität kann organisch entstehen, aber auch durch koordiniertes Teilen, Manipulation der Plattform oder Bot-Aktivitäten künstlich verstärkt werden.
\nEin von der Plattform zugewiesener Status, der anzeigt, dass ein Thema, ein Hashtag, ein Sound, ein Format oder eine Diskussionsgruppe innerhalb kurzer Zeit ungewöhnlich hohe Aktivität verzeichnet hat.
\nTrends werden algorithmisch identifiziert und über Plattformfunktionen wie X / Twitter Trending Topics, Trend-Hashtags, Trend-Sounds, Trend-Challenges oder andere plattformspezifische Trendfunktionen angezeigt. Trends hängen von plattformspezifischen Signalen wie Beitragsvolumen, Zuwachsrate, Interaktion, Standort, Personalisierung und Moderationsfiltern ab.
\nThemen, die ein hohes Engagement generieren – darunter kontroverse, emotional aufladende oder moralisch brisante Themen – werden möglicherweise eher zum Trend, dies hängt jedoch vom Ranking-System und den Moderationsregeln der Plattform ab.
\nTrends können organisch aus vielen unabhängigen Beiträgen entstehen, aber sie können auch durch koordinierte Kampagnen, Bot-Aktivitäten oder Entscheidungen der Plattform darüber, was beworben, gefiltert, moderiert oder unterdrückt werden soll, beeinflusst werden.
\nDer Prozess, durch den Informationen, die innerhalb einer Informationsumgebung an Sichtbarkeit gewinnen – sei es durch künstliche Verstärkung, Trends oder redaktionelle Auswahl –, in anderen Informationsumgebungen oder Informationszugangssystemen aufgegriffen und weiterverbreitet werden und so ein Publikum jenseits der ursprünglichen Umgebung erreichen.
\nSpill-over-Effekte können durch journalistische Berichterstattung, plattformübergreifendes Teilen, redaktionelle Kuratierung oder nutzergetriebene Weiterverbreitung entstehen.
\n→ Ein in einem wissenschaftlichen Forum geteilter Forschungsbefund kann in sozialen Medien diskutiert und von einem KI-Assistenten zusammengefasst werden.
→ Ein Thema, das von Bots auf einer Social-Media-Plattform künstlich verstärkt wurde, kann von Journalisten aufgegriffen werden.
→ Spill-over-Effekte können die Reichweite sowohl zuverlässiger als auch unzuverlässiger Informationen erhöhen und dazu führen, dass Informationen als breiter etabliert erscheinen, als sie es ursprünglich waren.
\nSpill-over bewahrt nicht immer den scheinbaren Status von Informationen. Wenn der empfangende Kanal stärkere Signale von Autorität oder Zuverlässigkeit aussendet als der Ursprungskanal – akademisches Format, Peer-Review, formelle Veröffentlichung –, kann die Information allein durch den Wechsel als zuverlässiger wahrgenommen werden. Dieser Effekt ist als epistemische Aufbereitung bekannt: Informationen gewinnen durch ihren Weg über verschiedene Kanäle an wahrgenommener Zuverlässigkeit, ohne dass sich die zugrunde liegenden Behauptungen oder Belege tatsächlich ändern. Er nutzt die Tendenz der Empfänger aus, die Zuverlässigkeit des Kanals, in dem sie auf Informationen stoßen, den Informationen selbst zuzuschreiben.
\n→ Eine Behauptung, die aus einem anonymen Blogbeitrag stammt, kann in einem Preprint zitiert, in einer KI-generierten Antwort wiedergegeben und schließlich in einem Peer-Review-Artikel zitiert werden – wobei sie bei jedem Schritt an akademischer Seriosität und scheinbarer Autorität gewinnt, während die zugrunde liegende Behauptung unverändert oder unüberprüft bleibt.
\nEin Team an der Universität Göteborg unter der Leitung eines medizinischen Forschers erfand eine fiktive Hauterkrankung namens Bixonimania, um zu testen, ob KI-Systeme medizinische Fehlinformationen aufnehmen und wiederholen würden. Sie stellten sie als eine vermeintliche Erkrankung dar, die mit der Blaulichtbelastung durch Bildschirme in Verbindung steht, mit Symptomen wie schmerzenden, juckenden Augen und einer rosa Färbung der Augenlider. Anschließend erstellten sie absichtlich gefälschte, akademisch anmutende Preprints, die mit offensichtlichen Warnzeichen gespickt waren – ein fiktiver Autor mit einem KI-generierten Foto, eine nicht existierende Universität sowie Verweise auf die Sternenflottenakademie und die USS Enterprise. Nature berichtete, dass die Preprints inzwischen von Preprints.org entfernt wurden. Innerhalb weniger Wochen begannen große KI-Chatbots, Bixonimania als echte Erkrankung zu reproduzieren und boten den Nutzern in einigen Fällen erklärende oder gesundheitsbezogene Ratschläge an. Parallel dazu wurde das gefälschte Material in mindestens einer veröffentlichten Arbeit zitiert, die inzwischen zurückgezogen wurde, und zwar in der Springer-Nature-Zeitschrift Cureus. Ausbreitung: Blogbeiträge → gefälschter Preprint → Webcrawler → Antworten von KI-Chatbots → akademische Zitierung
Stokel-Walker, C. (2026). Wissenschaftler erfanden eine gefälschte Krankheit. KI sagte den Menschen, sie sei echt. Nature, 652(8110), 559-561. https://doi.org/10.1038/d41586-026-01100-y
Während die Informationsverstärkung (siehe oben) beschreibt, wie die Sichtbarkeit über Nutzerkonten hinweg erweitert wird, beschreibt die Informationsverengung das Gegenteil: wie der Spektrum an Perspektiven, das einen einzelnen Nutzer oder eine soziale Gruppe erreicht, eingeschränkt wird. Zwei unterschiedliche Mechanismen bewirken diese Verengung – die Filterblase (algorithmische Personalisierung) und die Echokammer (Selbstselektion der Nutzer). Die beiden werden im öffentlichen Diskurs oft miteinander verwechselt, funktionieren jedoch unterschiedlich.
\nEine Filterblase ist eine isolierte Informationsumgebung, die durch algorithmische Personalisierung entsteht und in der ein Nutzer zunehmend mit Inhalten konfrontiert wird, die seinen abgeleiteten Präferenzen und seinem bisherigen Verhalten entsprechen, während abweichende Inhalte herausgefiltert werden – in der Regel ohne dass der Nutzer dies bemerkt. Der Begriff wurde von Eli Pariser (2011) geprägt, um zu beschreiben, wie Personalisierungsalgorithmen bei Google, Facebook und ähnlichen Plattformen systematische Asymmetrien in der Informationspräsenz erzeugen können, basierend auf Nutzersignalen wie Klickverlauf, Standort und Profildaten.
\nDas charakteristische Merkmal einer Filterblase ist die Unbeabsichtigtheit seitens des Nutzers: Die Eingrenzung entsteht durch die Optimierung der Plattform, nicht durch die bewusste Auswahl von Quellen durch den Nutzer.
\nEmpirische Forschung hat Parisers ursprüngliche These erheblich relativiert. Studien haben ergeben, dass algorithmische Personalisierung zwar beeinflusst, was Nutzer sehen, die meisten Nutzer jedoch weiterhin auf ideologisch vielfältige Inhalte stoßen – teils weil ihre eigenen sozialen Netzwerke unterschiedliche Ansichten umfassen, teils weil Algorithmen nicht so vollständig isolieren, wie es der gängige Diskurs suggeriert (Bakshy et al., 2015; Flaxman et al., 2016; Bruns, 2019). Der Filterblasen-Effekt ist real, aber in der Regel schwächer als gemeinhin angenommen; die selektive Informationsauswahl vor dem Internetzeitalter (z. B. die Wahl von Zeitungen oder Fernsehsendern) war in vielen Fällen stärker.
Ein Echokammer ist ein soziales Informationsumfeld, in dem ein Nutzer in erster Linie Meinungen, Behauptungen oder Ideologien ausgesetzt ist, die seine bestehenden Überzeugungen bestärken, während abweichende Ansichten fehlen, abgetan oder aktiv diskreditiert werden. Cass Sunstein (2017) beschreibt die politischen Folgen: Wenn sich Gruppen von Außenperspektiven abschotten, verfestigen sich interne Überzeugungen und werden mit der Zeit extremer (Gruppenpolarisierung).
\nIm Gegensatz zur Filterblase, die aus algorithmischer Personalisierung entsteht, resultiert eine Echokammer in erster Linie aus der Selbstselektion der Nutzer: Entscheidungen darüber, wem man folgt, welchen Communities man beitritt, welchen Quellen man vertraut und welche Stimmen man ablehnt. Diese Entscheidungen werden teilweise durch den Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) getrieben – die kognitive Tendenz, Informationen zu suchen und zu vertrauen, die mit bestehenden Überzeugungen übereinstimmen. Der verstärkende Effekt rührt von der sozialen Struktur selbst her, nicht von unsichtbarer algorithmischer Filterung.
\nC. Thi Nguyen (2020) zieht eine konzeptionelle Unterscheidung, die für Interventionen von Bedeutung ist:
\nEine epistemische Blase kann durch die Einführung neuer Informationen geöffnet werden; ein Echoraum widersteht Korrekturen selbst dann, wenn externe Beweise vorgelegt werden, da die Quellen dieser Beweise bereits delegitimiert wurden.
\nEmpirische Untersuchungen legen nahe, dass starke, ideologisch isolierte Echokammern seltener sind, als der öffentliche Diskurs vermuten lässt (Cinelli et al., 2021; Guess et al., 2018), doch wo sie existieren, können sie sich Korrekturen gegenüber als äußerst widerstandsfähig erweisen. Bloße Übereinstimmung innerhalb einer Gruppe ist an sich noch keine Echokammer – das bestimmende Merkmal ist der aktive Ausschluss oder die Diskreditierung von Perspektiven von außen.